Ich vermisse meine Familie.


Meine Familie, das waren die Nachbarn, die ich während dem Balkonrauchen jeweils in ihrer Küche sah. Sie wohnten an der Greyerzstrasse im 1. Stock, gleich vis-à-vis von mir. 

greyerzAls ich vor eineinhalb Jahren hierher zog, waren sie ein Paar. Er, der etwas pummelige aber freundliche junge Mann, sie eine sympathische junge Frau mit hübscher Pagenfrisur, mal in blond, mal in rot. Wir sahen uns gegenseitig nicht oft, aber wenn jemand von den beiden auf dem Küchenbalkon den Müll vollstopfte und ich grad am Rauchen war, winkte man sich zu oder wünschte sich über den Hinterhof einen schönen Abend.

Irgendwann wurde die Frau etwas rundlicher um den Bauch herum. Irgendwann hatten sie öfter Besuch von Leuten, die wie ihre Eltern aussahen. Irgendwann platzte sie fast. Und irgendwann waren sie zu Dritt. Baby.

Ich habe nie einen liebevolleren Umgang mit einem Kleinkind gesehen, nie einen begeisterteren Vater beim nach Hause kommen. Und die junge Frau wurde langsam wieder schlanker und sah nur noch selten sehr, sehr müde aus. Täglich konnte ich meine Familie sehen, bei ganz alltäglichen Dingen, beim Einkäufe in den Kühlschrank einräumen, beim Kochen, beim Füttern des offenbar immer fröhlichen und zufriedenen Sohnes. Dann kam der Tripptrapp – aha, das Kind konnte endlich alleine sitzen…

Alles intim aber jugendfrei. Ich mochte diese Familie. Sie war ein Teil meines Alltags, ein Teil meines Beziehungsnetzes, auch wenn dies nur einseitig war. Reality TV und Soap Opera ohne Elektronik.

Und seit Dezember sind sie weg. Ohne sich zu verabschieden. Dabei kenne ich nicht mal ihre Namen. Und doch vermisse ich sie. Sie, die Bilderbuchfamilie, meine Familie von gegenüber. Alles Gute, wo auch immer Ihr hingezogen seid!

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