Impressionen meiner Moskau-Reise.

Im Frühjahr 2015 war ich in Moskau. Städteflug und so. Hier ein Auszug aus meinen Beobachtungen und Gedanken.

Schnürsenkel.

„Wenn jetzt auch noch der zweite Schnürsenkel reisst, bin ich am Arsch“ schoss es mir durch den Kopf.

Ich war früh aufgestanden, hatte die Dinge in mein neues Köfferchen gepackt, die ich mental schon vor dem zu Bett gehen zurexht gelegt hatte und war eigentlich bereit. Beim Schuheanziehen dann das: Der Schnürsenkel riss. An einem Sonntag in Bern. Überall auf der Welt wäre das wohl kein Problem. Ausser in der Servicewüste Schweiz.
Nachdem ich meinen letzten Ersatzschnürsenkel eingefädelt hatte und den zweiten erfolgreich zugebunden hatte, begab ich mich auf den Weg nach Moskau. Tram, Bahnhof mit Kaffee und Zigarette, Zug, Flughafen, überraschende Eile und dann wieder warten.

Der Flug.

Endlich konnte ich mich auf meinem Sitz niederlassen. Der Flieger war fast voll. Fast, weil zwischen mir und einer freundlich scheinenden russischen Frau in etwa meinem Alter noch ein Platz leer war. «Das wird ein angenehmer Flug» dachte ich und machte es mir bequem. Sekunden später stapfte etwas schwäbisch Fluchendes die Gangway entlang in meine Richtung. Das etwas war eine Mischung aus der Hulk für Arme und einem Gewichtheber im Ruhestand, so der Typ, der Nachts um 2:15 Uhr, wenn man nicht schlafen kann und im Fernsehen herumzappt, auf Eurosport Sandsäcke schmeisst und das Duell gegen den Kasachen verliert.
Der Grund seines Fluchens war der Umstand, dass es keinen Platz mehr in den Overhead Compartments für seinen Rucksack hatte. Das Problem wurde von einer freundlichen Stewardess aber schnell und pragmatisch gelöst, worauf das schwäbische Ungetüm zufrieden grunzend breitbeinig und breitarmig neben mir Platz nahm. Ja, er nahm sich den Platz, er besetzte ihn nicht nur. Es war eine aggressive Territorialexpansionsgeste, die ich nur dadurch zu kontern wusste, dass ich meine Kopfhörer einstöpselte und ihn zu ignorieren beschloss.
Hulk, der Gewichtheber aus der schwäbischen Bedeutungslosigkeit, schlief umgehend ein und zuckte regelmässig durch den ganzen Körper, welcher an seiner Extremität namens Ellenbogen mir immer wieder einen kleinen Weckstups in meinem Gedöse bescherte.
Aber ich will ja nicht jammern, denn ich sah etwas, das ich sonst vielleicht verpasst hätte.

Kondensstreifen.

Nicht oben am Himmel, denn da war ich ja, nicht unter mir, sondern wir flogen direkt durch die Kondensstreifen eines anderen Flugzeugs hindurch. Was ich nicht wusste: Es sind keine Streifen, es sind Röhren. Für den Bruchteil einer Sekunde sass ich am Ort, wo man in die Kondensröhren hineinblicken konnte. Frei schwebende, weisse, parallel verlaufende, endlos lange Röhren am Himmel und ich war genau auf dieser Augenhöhe. Absolut faszinierend und überraschend zugleich!

Kein Bier.

Bis auf etwas war der Flug ereignislos. Das Essen war trist, Bier gab es nicht, dafür wurde billiger Wein aus Literflaschen ausgeschenkt, den ich ablehnte. Aber nach dem Essen und dem ebenso enttäuschenden Kaffee musste ich, wie alle anderen, aufs Klo. Dzu musste sich Hulk erheben, aber der schlief und zuckte ja neben mir. Frechheit, ich wollte ihn doch ignorieren, stattdessen ignorierte er mich! Dass das gar nicht ging, musste ich ihm klarmachen und weckte ihn mit einem beherzten Schulterpatschen. Dann klappte das auch. Nach der tadellosen Landung schnappte ich mein Köfferchen und sah mich schon triumphierend an all den anderen Passagieren, die am Förderband auf ihren Koffer warten, vorbeiziehen. Bis ich zur Halle der Passkontrolle kam.

Eine Stunde Crash-Kurs Chinesisch.

Ich übertreibe nicht, wenn ich schätze, dass 500 Leute vor drei offenen Schaltern warteten. In einer Stunde, eingepfercht zwischen hundert Chinesen, kam ich 5 von 20 Metern weit. Dass die Chinesen ein eigenes Volk sind, wusste ich. Wie sich das äussert, erfuhr ich dort. Wenn ein Chinese einen Kumpel sucht und findet, bewegt er sich ohne ein Wort zu sagen auf direktem Weg auf diesen zu, egal, wer oder was da ihm Weg steht. Dies führte mehrfach zu ungewolltem und vor allem unangenehmem Körperkontakt.
Und dann geschah ein Wunder. Ein uniformierter Zollbeamter holte mich und zwei andere Schweizer aus diesem Klüngel persönlich heraus und machte für uns einen extra Schalter auf. Ich stellte keine Fragen, sagte brav «Spasiba» und ertrug die nachfolgende Passkontrolle, die geschlagene drei Minuten dauerte, mit stoischer Gelassenheit. Das Wissen darum, dass ich so eben drei Stunden weitere Wartezeit unangenehmsten Ausmasses vermeiden konnte, machte mich wohlwollend.

Endlich war ich in Russland. Aus dem Terminal herausgetreten, zündete ich mir erst einmal eine Zigarette an, nachdem ich mich versichert hatte, dass man dort auch rauchen durfte. Ein junger Mann bot mir an, mich in die Stadt zu fahren. Obwohl ich Dutzendfach gelesen hatte, dass man das nicht tun solle, weil man total abgezockt werde, tat ich genau das. Für umgerechnet 40 Franken liess ich mich 50 Minuten durch halb Moskau kutschieren, wir rauchten, verständigte uns rudimentär auf englisch und hörten laut elektronische Trance-Musik. Der Verkehr in Moskau ist nicht so schlimm, wie man oft liest. Verglichen mit Indien oder Italien. Aber er ist sicher nichts für Mitteleuropäer.

Als wir dann endlich mein Hotel gefunden hatten, dass in einer unzugänglichen Gasse einen Steinwurf vom Kreml entfernt liegt, verabschiedete ich mich von Alex und trat in diese russische Welt ein. Diese Welt aus alten Plüschsofas, übertrieben farbigen Illustrationen von Matrioshka-Figuren und immer wieder überraschendem Geschäftssinn.

Alles Nutten.

Jaja, die Russinnen sind alles Nutten oder wollen sofort heiraten. Sagt das Vorurteil. Jeder, der denken kann, weiss, dass das nicht stimmen kann. Ich für meinen Teil hatte mehrere Rendez-Vous mit sehr ansehnlichen Russinen zwischen 38 und 45. Und alle waren stolze, gescheite, selbstbewusste Frauen, die charmant, aber keineswegs auf ein schnelles Abenteuer aus waren. Geld war nie ein beherrschendes Thema, wenn schon, dann das europäische Embargo und die damit einhergehende Wirtschaftskrise. Alle waren schon mindestens einmal in Paris oder London oder New York und sind trotzdem zufrieden mit ihrem Leben in Moskau.
Wahrscheinlich wird das Gerücht weniger von unseren Männern als von unseren Frauen genährt. Während bei uns die Frauen ab 40 sich vor allem mit esoterischen Themen befassen, wenn die Kinder gross sind, scheinen sich die Russinnen nach wie vor ihrer Weiblichkeit bewusst. Ein Klischee stimmt aber über Russinnen ganz bestimmt: Sie sind uns in Sachen Kunst- und Kulturverständnis um Längen voraus. Ein Theaterbesuch gehört zum monatlichen Standard, eine besondere Ausstellung zieht Zehntausende ins Museum (nicht nur bei Jahrhundertausstellungen).

Der Anteil gut aussehender Frauen in Moskau ist wahrscheinlich nicht viel höher als an anderen osteuropäischen Orten, aber der Mut, gut auszusehen und etwas dafür zu tun, mit Sicherheit schon. Und natürlich gibt es in einer 11 Mio. Stadt rein zahlenmässig mehr zu sehen als in einer schweizer Kleinstadt (wie Zürich oder Bern).

Was man in Moskau nicht sieht? Frauen mit grauen Haaren. Frauen, die sich vollkommen gleichgültig kleiden. Trainerhosen oder andere, abartig schlampige Modeerscheinungen. Dicke Leute. Und die Männer? Die Moskoviter waren durchwegs korrekt angezogen, je nach Beruf. Vom Anzug bis hin zum Hipster war alles dabei, aber immer sauber, flicken- und tadellos.

Geld.

Ich hatte einiges über Moskau im Internet gelesen, namentlich in Foren von anderen Touristen, die schon mal hier waren. Es scheint ein Phänomen zu sein, dass man erwartet, im Ausland sei alles billiger. Und dass alles in der Skala der lokalen Lebenshaltungskosten zu bewerten sei. So ist anscheinend eine Taxifahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum für Fr. 40 «totale Abzocke» und ein Abendessen für Fr. 20 «total überrissen». Ich finde erstens, dass es nicht an uns Touristen ist, zu bewerten, was wieviel kosten kann oder darf. Wir sollten uns vielmehr fragen, ob wir im Urlaub tatsächlich billiger leben müssen als zu Hause (und wieso wir dann nicht gleich dahin ziehen, wo doch alles so billig sei). Und zweitens bin ich der Meinung, dass das, was wir für unsere Arbeit im Westen erhalten, sehr wohl dazu gebraucht werden darf, im Urlaub anderswo ausgegeben zu werden. Wer sich das nicht leisten kann, soll bitte zu Hause bleiben.

Ich habe gesehen, wieviel Russen arbeiten (mindestens gleich viel wie wir), wie hart sie arbeiten (genau wie wir) und was sie dafür erhalten (deutlich weniger als wir und zwar in Bezug auf Kaufkraft). Leute, die einen anständigen Beruf zu 100% ausüben, wohnen in kleinen Wohnungen und sind in Sachen Kinderbetreuung auf ihre Eltern angewiesen. In der Unterschicht ist es noch dramatischer, da wohnen nach wie vor 2 Generationen in einer 1-2 Zimmerwohnung.

Und deshalb bezahle ich Fr. 40 für eine einstündige Taxifahrt, statt den Bus für Fr. 2 zu nehmen. Und ich esse, was mir schmeckt, wo es mir gefällt, zum Preis, den es kostet. Denn zu Hause kostet immer noch alles doppelt so viel. Und in Mailand und Venedig das Fünffache.

Diebe, Mafia, Alkoholiker.

Habe ich keine gesehen. Punkt.
Staatsgewalt.

Moskau ist geregelt. Alles ist geregelt. Und man sollte die Vorschriften beachten. Wer bei Rot über die Strasse geht, lebt entweder nicht mehr lange oder bekommt es mit der Polizei zu tun. Schwarzfahren in der Metro ist für einen Touristen kaum möglich. Und in allen sehenswerten Gebäuden gibt es Waffen- und Ticketkontrollen. Das Personal stammt offenbar noch aus Stalinzeiten – wenn nicht physisch, dann doch sicher geistig. Die haben nichts zu lachen und geben dieses Credo gerne ungefiltert weiter. Mit dem Sicherheitspesonal diskutiert man nicht, man befolgt die Anweisungen ohne nach dem Grund oder der Sinnhaftigkeit zu fragen. Als Tourist für eine Woche war das kein Problem für mich.
Ach ja, so etwas wie Informationen über Einschränkungen gibt es hier nicht. Wenn eine Strasse gesperrt wird, ist sie eben gesperrt. Warum? Niemand fragt, niemand antwortet, und Schilder gibt es auch keine. Die Russen nehmen dies gelassen hin und nehmen den Umweg.

Überraschungen.

Rauchen darf man nur auf offener Strasse, selbst in Strassencafés ist das Rauchen nicht erlaubt, solange es keine Plätze unter freiem Himmel hat (ein Sonnenschirm bedeutet: nicht unter freiem Himmel).
Die Sauberkeit ist extrem hoch, russische Raucher drücken ihre Zigaretten an Abfallbehältern aus und werfen den Stummel rein. Müll liegt sowieso nirgends rum.
Manchmal sind die Strassen so breit, dass es keinen Sinn macht, Fussgängerstreifen anzulegen, ohne dabei den ganzen Verkehrsfluss zu unterbrechen. Die Unterführungen verlaufen nicht nur direkt unter der Strasse und sind hächstens 2.50 Meter hoch, was dazu führt dass die Treppen recht kurz sind, sondern sie sind auch unversprayt, klinisch sauber und erstaunlicherweise pennerfrei.
Geschäfte sind normalerweise bis 10 Uhr am Abend geöffnet.
Nur die jungen Leute (unter 30) sprechen ein paar Brocken Englisch. Bei meiner Generation ist Englisch oder eine andere westliche Sprache die absolute Ausnahme (ausser in tourismusnahen Berufen).

Freundlichkeit.

Russen sind wie die meisten Osteuropäer nicht das, was wir ein freundliches Volk nennen. Wer überschwängliche Freundlichkeit sucht, ist in den USA besser aufgehoben. Aber alle Russen, die mir ein Ticket verkauften, Café oder essen servierten oder wo auch immer mit mir zu tun hatten, waren korrekt. Wir würden es wohl als mürrisch bezeichnen oder als ignorant. Antworten können sehr kurz sein („Nein“) anstatt wie bei uns normalerweise („Nein, aber da drüben links um die Ecke haben sie Haargel“).

Und der Schnürsenkel?

Ja, den habe ich schlussendlich in einem Kollateralladen und mit Hilfe einer hilfsbereiten, englischsprechenden Russin gefunden und gekauft. Einen Tag später ist der andere gerissen. Und ich habe ein russisches Wort gelernt: Schnurki.

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