Der gläserne Kunde ist unsichtbar für die Unternehmen.

Weshalb haben Unternehmen die gute Werbung der 90er mit schlechter online Verkaufsförderung ersetzt? Weil sie nicht denken. 

Was hat man uns nicht alles versprochen: Personalisierung, Individualisierung, auf uns zugeschnittenen Dienstleistungen, Werbung (Pardon, Marketingkommunikation), Unterhaltung. Ich sage Euch jetzt mal was, ihr Konzerne, Grossfirmen, Detailhandelsriesen, Marketingfuzzies, Social Media Rookies und Werbeheinis (von denen ich auch einer bin): Ihr Anfänger! Ihr Flaschen! Ihr Idioten.

Stopp – keine Angst, das Niveau geht gleich wieder nach oben. Aber mit „intellektuell herausgeforderten Individuen“ wird mein Rundumschlag der Sache nicht gerecht.

Ich bin ein freigiebiger Mensch. Ich spende nicht nur ab und an für Arme, Afrika, Tiere, Krebsforschung oder Kinder. Ich gebe auch gerne meine Daten preis.

Swisscom weiss, was ich auf meinem Fernseher schaue. Was ich aufnehme. Welche Filme ich miete. Wohin ich reise (Roaming). Und was serviert mir die Swisscom unter „Persönliche Tipps“ (die anscheinend von meinem Zuschauerverhalten abgeleitet werden) auf TV 2.0? „Heintje – ein Herz geht auf Reisen“. Warum? Weil es eine Musiksendung ist. Aha. Deshalb will ich also Heintje sehen, weil ich Woodstock, Pink Floyd Live in Pompeji und The Doors at the Hollywood Bowl aufgenommen habe? Denkfehler!

Besser ist es auf Ebay. Die mir empfohlenen Produkte liegen geschmacklich nicht so weit daneben wie bei Swisscom. Aber 90% der von mir gekauften Produkte der letzten 5 Jahre sind Vinyl-LPs. Eine CD, DVD, Blue-Ray oder Notenblätter habe ich noch nie online gekauft. Trotzdem empfehlt Ihr mir so einen Kram. Ich kaufe doch keine digitalen Produkte auf physischen Datenträgern, ich bin doch nicht meschugge. Anfänger!

Facebook könnte mir tolle Werbung servieren: Ferienangebote mit meiner Teenager-Tochter in einer coolen Metropole (denn meine Tochter ist ja auch auf Facebook und als solche auch bei mir getagt). Singleferien (denn Facebook weiss: Ich bin Single). Neue LPs im Bereich Rock oder die neuen Angebote von Doors.com (ich bin bei 5 verschiedenen Doors Facebook-Fan Pages Mitglied und habe sogar selbst eine). Als bekennendes GLP-Mitglied (das weiss Facebook) könnte man mich auf spannende Produkte im Bereich alternative Energien, ökologische Produkte, Fair-Trade usw. aufmerksam machen. Stattdessen soll ich der AUNS-Facebook-Gruppe beitreten (weil Politik), 18-jährige Teenager Basic Bitches mit Loovoo angraben (weil Single) oder das Club Med Special buchen, wo sich kleine Kinder besonders wohl fühlen (weil Vater). Ihr Flaschen! Ihr habt nichts begriffen! Ich will meine Ruhe im Urlaub, mit einer netten Frau meines Alters oder mit meiner Tochter in die Ferien, ich will meine Plattensammlung vervollständigen, technologisch fortschrittliche und gleichzeitig ökologische Produkte kaufen und wenn ich der AUNS-Gruppe beitrete, dann nur mit einem werbalen Sprengstoffgürtel.

Und noch was, liebe Verlage: Ich habe Eure digitalen Zeitungsabos für relativ viel Geld gekauft. Beim Pay-TV funktioniert das so: Du guggst gratis – Du guggst auch Werbung. Du bezahlst fürs Schauen – dafür unterbrechen wir Deinen Medienkonsum nicht. Bei den bezahlten online Zeitungen ist das nicht so. OK, Ihr seid ja auch arme Schweine. Das bescheuertste ist aber, einem Leser unmittelbar nach einer affirmativen Handlung (Klick, Fingertipp) auf einen Artikel (ja, ich möchte diesen Artikel jetzt lesen) Werbung zu servieren. Das will doch zu genau diesem Zeitpunkt niemand. Wenn ich mit dem Artikel fertig bin, ok, wieso nicht, aber nicht jetzt. Ihr Idioten!

Und Ihr Genies bei Apple iTunes? Ihr unterteilt Eure Empfehlungen nach Ländern. Wenn ich also – vielleicht als Einziger in der Schweiz – das Album von Charlie Mariano aus den 70ern runterlade, dann heisst das noch lange nicht, dass „d’Schliemererchind“ und ihre Weihnachtslieder mich interessieren sollten, könnten, würden. Der gleiche Download im iTunes Store der USA fördert zwar relevante Empfehlungen, aber da darf ich ja nur Gratisdownloads geniessen, da meine Kreditkarte nicht für diesen Store zugelassen ist. Ihr Flaschen!

Wieso, lieber Coop, liebe Migros, kann ich mit meiner Punktekarte nicht Empfehlungen erhalten? Ihr wisst doch, liebe Coop, was ich bei Euch im Supermarkt, an der Tankstelle, im Fust, im Interdiscount, im Heim und Hobby kaufe. Warum erhalte ich keine spezifischen Mailings aufgrund meines Einkaufverhaltens? Oder warum lerne ich erst nach über sechs Monaten, liebe Migros, dass es Lampen gibt, die zusammen mit meinem Philips Fernseher, den ich bei Eurem Digitec gekauft habe, mein Wohnzimmer in ein illuminiertes Filmerlebniszimmer verwandeln? Und das nicht mal durch Euch? Anfänger!

Meine liebe SBB. Du weisst, dass ich ein GA habe. Und wie alt ich bin, und dass meine Tochter auch ein GA hat. Du könntest auch wissen, dass ich einen Hund habe, Du müsstest nur fragen. Fällt Dir denn gar nichts ein, wie Du mir massgeschneiderte Angebote machen könntest? Ich gebe Dir mal einen Tipp: 100% aller Hundebesitzer (und Hunde) leiden am 1. August unter der Knallerei. Ein Ausflug nach Deutschland oder Frankreich mit Übernachtung? Und überhaupt: Rail-away, Euer Ausflugsportal, könnte ja so toll konfiguriert werden, wenn Ihr wolltet. Und mich lässt. Wir Anfänger!

Ja, natürlich! Versteckt Euch hinter den „juristischen Rahmenbedingungen“ oder dem Datenschützer. Ich vermute aber eine andere Wahrheit: Ihr wollt Eure IT nicht mit Wichtigerem als SAP und internen Prozessabläufen beschäftigen. Oder Ihr habt keine Ideen für neue Geschäftsmodelle: Swisscom-TV wird wohl nicht von den Fernsehsendern oder den Studios bezahlt. Ebay nicht von ihren Händlern (oder nicht von den richtigen). Facebook hat nur ein paar Werbetreibende, die zwar Geld, aber kein diversifiziertes Angebot haben, welches für meine Zielgruppe oder zu meinen Präferenzen passen würde. Die Zeitungsverlage meinen immer noch, Reichweite sei alles, egal ob es angeschaut wird oder nicht. Das erzählen natürlich auch alle Marktforscher, Marketingleiterinnen und was weiss ich denn wer sonst noch: Weil es eben bequem ist. Migros und Coop kriegen kein Geld von ihren Lieferanten. Die einzigen, die es ansatzweise begriffen haben, sind LeShop und Amazon. Und natürlich Google.

Solange die Verantwortlichen auf Auftraggeber-Seite glauben, 1 Mio. Views seien besser als 10 Klicks, solange sie glauben, die Anzahl Likes sage irgend etwas über die Güte ihrer Produkte oder der Popularität ihre Marke (und damit über ein mögliches Zukunftspotenzial) aus, solange Schwanzlänge mehr zählt, als ob man ihn hochkriegt (ganz geschweige denn, ob man damit umgehen kann oder nicht), oder ob nicht vielleicht eher die Anzahl der Verführten zählen sollte… Tja – solange lasst Euch was vormachen. Deshalb ist heute unsere Werbung so schlecht: Weil die Marktforscher die Kreation abgelöst haben. Und die Photoshopper die Grafiker. Und die Corporate Communications Masterabsolventinnen die Texterinnen. Und die Views die Bekanntheit. Von Image spricht heute ja eh niemand mehr – es reicht, keinen Shitstorm im letzten Jahr gehabt zu haben.

Noch heute sitzen in den verantwortlichen Stühlen Leute, die schon 1994 keinen blassen Schimmer vom Internet hatten. Zwanzig Jahre ist das jetzt her, und nichts dazugelernt. Das einzige, was Ihr gemacht habt: Ihr habt bei Stellenangeboten „digital Native“ reingeschrieben. Das ist ja so cool. Und jetzt habt ihr ein paar Rotzbengel in der Firma. Aber glaubt trotzdem je länger je mehr den Marktforschern, digitalen Mediaplatzierern oder Verkaufsförderungsheinis als Eurer Werbeagentur. Wenn Ihr endlich pensioniert seit und Euer Unternehmen uber-holt, ver-tindert oder Eure Branche ver-airbnbt wurde, werdet Ihr glauben, dass alles wegen Eurem Abgang den Bach runterging. Und die vernetflixten Rotzbengel dafür verantwortlich waren. Ihr Idioten!

Schaut uns an, wir wollen relevante Werbung, individualisierte Angebote. Ja, wir wollen kaufen und konsumieren. Was wir nicht wollen, ist langweilige und irrelevante Marketingkommunikation. Nur der Klick zählt, merkt Euch das. Gebt Euren Kunden endlich Euer Bestes, unseres habt Ihr schon.

 

Ein Gedanke zu „Der gläserne Kunde ist unsichtbar für die Unternehmen.

  1. Ach Rudolf, du beschreibst hier sehr schön Kündigungsgrund #23 bei meinem jetzigen Arbeitgeber (neben weiteren mind. 89 Gründen).

    Ich wollte dort auch einen Dienst bzw. eine App bauen, die nur einen „Mir ist langweilig“-Button hat. Klickt man da drauf, werden alle verfügbaren Daten zusammengeführt (Alter, Abo, Interessen, SBB-in- und -externe Veranstaltungstipps) und man kriegt was für den eigenen Geldbeutel Passendes auf den Leib geschneidert.

    Warum hat mans nicht gemacht? Die Daten sind ja alle da, bei der SBB selber oder in ihrem Umfeld! Ganz einfach – die Entscheider haben gesagt: „Wir verstehens nicht.“

    Und das waren schon die aus dem Programm für digitale Innovationen …

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